Gesprächskreis im Freitagskreis Heilbronn

Als wir den Gesprächskreis zum Thema „Inklusion im Islam“ planten, waren wir noch sehr unsicher, ob sich überhaupt explizites Material zu diesem Thema in Hadithen und Koranstellen finden lassen würde. Am 26. Januar wurden wir eines Besseren belehrt. In einem geschützten Raum, konnten Betroffene und Interessierte ihre Erfahrungen austauschen, Fragen stellen und eine Perspektive im Islam kennenlernen, die in Freitagspredigten und Seminaren kaum behandelt und doch so reich und herzerwärmend ist: Der Umgang mit muslimischen Geschwistern, Freunden und Familienangehörigen, die eine Behinderung haben.

Der Gesprächskreis begann mit einer kurzen Begrüßung und der Vorstellung des Projekts Heldicaps – Helden ohne Grenzen, das sich unsere Jugendlichen der Jugendgruppe sojumb im letzten Jahr ausgedacht haben und das in diesem Jahr, dank einer Vielzahl an Unterstützer*innen, umgesetzt werden kann. Danach folgte eine kurzer Vortrag unseres Vorstandsvorsitzenden, der einige Passagen und Textstellen zum Thema „Inklusion im Islam“ vorstellte:

Einführend erzählte er über den Propheten Musa (Moses) a.s., dem meistgenannten Propheten im Quran, von dem manche Gelehrten sagen, dass er unter einer Sprachhemmung litt. Dies war auch ein Grund, warum er sich die Unterstützung seines Bruders Haruns (Aaron) a.s. wünschte, der als sehr redegewandt galt. et sprach Musa als er vor den Pharao trat. Folgendes Bittgebet sprach Musa a.s. als er vor den Pharao trat:

Mein Herr, mache mir meine Brust weit, Und mache mir meine Angelegenheit leicht, Und löse den Knoten in meiner Zunge, so dass sie meine Worte verstehen.

Quran (Sura Taha 20:25-28)

Das Beispiel zeigt, dass trotz dieses Handicaps, Musa (as) von ALLAH zu einem Propheten auserwählt wurde, denn für Allah zählen nicht die äußeren Umstände, sondern das Gottesbewusstsein. Für uns sollte es wegweisend sein, dass wir Menschen, mit einer Einschränkung nicht nach dieser beurteilen, sondern nach ihrem Herzen, ihrem Wisssen und nach ihren Potentialen, die sie in unsere Gesellschaft einbringen können.

Ein weiteres Beispiel wurde in der Gesprächsrunde genannt: Ata ibn Rabah. Dieser wurde 33 Jahre nach der Auswanderung des Propheten (sas) geboren. Er hatte mehrere Eigenschaften, die ihm die Teilhabe an der Gesellschaft hätten erschweren können. Neben seiner afrikanischen Abstammung und dem Status eines befreiten Sklaven, hatte er eine Lähmung. Keine dieser Merkmale war ein Hinderungsgrund für eine perfekte Inklusion. Er wurde offiziell zuständiger Richter für religiöse Rechtsfragen. Und wiederum zeigt sich die Wahrheit des Quranverses:

„Oh ihr Menschen: Wir haben Euch aus Mann und Frau erschaffen und Euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget. Wahrlich vor Allah ist von euch der Angesehenste, welcher der Gottesfürchtigste ist. Wahrlich, Allah ist allwissend, allkundig.

Quran (49:13)

Ein oft zitierter Vers aus dem Quran ist auch in Sure An-Nur zu finden. Dieser Vers beginnt folgendermaßen:

Für Blinde gibt es keine Bedrängnis und nicht gegen den Lahmen Bedrängnis und nicht gegen den Kranken…

Quran Sure An-Nur (24:61)

Weiter heißt es im Vers das man mit Menschen die ein Handicap haben gemeinsam speisen soll. Vor der islamischen Zeit wurde es vermieden gemeinsam am gleichen Tisch zu essen (Unheil)Das Meiden und Nicht-Integrieren von Menschen, die krank oder eingeschränkt sind, ist im Islam also unerwünscht. Ganz im Gegenteil. Der Quran fordert explizit dazu auf, sie in alltägliche Gepflogenheiten ebenbürtig und auf Augenhöhe einzubinden. Denn, ALLAH, der Barmherzige, ist Seiner Schöpfung gegenüber barmherzig, und daran sollen auch wir uns messen lassen. Es gibt eine Vielzahl an Quranstellen und Hadithen, die auf dieses erwünschte Verhalten hinweisen.

Aber es gibt auch noch eine Vielzahl an praktischen Beispielen aus dem Leben des Propheten Mohammeds (sas), die Vielen noch unbekannt sind: zum Beispiel die Geschichte von Abdullah ibn Masud, der einer der besten Kenner und Rezitatoren des Qurans war. Wenige wissen, dass er wegen seiner Kleinwüchsigkeit und dünnen Statur oft ausgelacht worden war. Der Prophet (sas) setzte ein klares Zeichen, wie bedeutsam Abdullah war, als er sagte, dass am Tage des Gerichts, die Füße von Abdullah ibn Masud in der Waage der guten Taten schwerer wiegen würden als der Berg Uhud. Danach machte sich niemand mehr lustig.

Ein weiteres Handicap hatte Ibn Ummi Maktum, der blind war. Wegen ihm wurde der Prophet von ALLAH getadelt, als er ihm weniger Aufmerksamkeit schenkte als einigen Leuten aus dem Stamm der Kuraisch. Der Quranvers aus Sure Abasa bezieht sich auf dieses Stirnrunzeln und Wegdrehen des Propheten.

„Er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Weil der Blinde zu ihm kam. Was aber ließ dich wissen, dass er sich nicht läutern wollte. Oder Belehrung suchte und ihm Belehrung genützt hätte? Was aber den betrifft der glaubt auf niemanden angewiesen zu sein. Den empfingst du. Ohne dich daran zu stören, dass er sich nicht läutern will! Was aber den betrifft, der voll Eifer zu dir kommt. Und voll Gottesbewusstsein ist. Um den kümmerst du dich nicht! Nicht so! Dies ist eine wirkliche Ermahnung.“

Quran Sura Abasa (80:1-11)

Ibn Ummi Maktum stand in hohem Ansehen in der Gemeinschaft. Er war neben Bilal einer der Gebetsrufer, und wenn der Prophet (sas) sich nicht in Medina befand, war er sein Stellvertreter und er führt die Gemeinde im Gebet an und hielt Reden.

Auch während der kulturellen Blüte der muslimischen Länder galt Inklusion als eine Selbstverständlichkeit und die Therapien waren fortschrittlich und empathisch. So gab es zur Osmanischen Zeit bereits die Form der Pferdetherapie, die auch heute noch sehr erfolgreich praktiziert wird, Menschen wurden in hellen Räumen therapiert mit beruhigenden Springbrunnen und Musik. Gelähmte Menschen erhielten eine staatliche Aufstockung ihres Gehalts, damit sie Pfleger einstellen konnten. In Istanbul gab es für die ca. 100. 000 Einwohner ca. 1.300 Stiftungen, die sich um Menschen mit Handicap kümmerten.

Für die Anwesenden des Gesprächskreises war es offensichtlich, dass eine Behinderung niemals, wie oft im Volksglauben verankert, ein Fluch sein könnte, oder für Schwangere ansteckend sei. Ganz im Gegenteil: Eine Behinderung gilt als besondere Prüfung für den Menschen und die Angehörigen so wie die Gesellschaft. Am Umgang mit ihnen werden sie am Jüngsten Tag gemessen werden und können unendlichen Lohn erhalten, wenn sie mit Barmherzigkeit, Würde und Anerkennung Menschen mit Einschränkung begegnen.

Da auch einige Moscheevorstände an dem Gesprächskreis anwensend waren, konnte auch über sehr praktische Maßnahmen gesprochen werden. Alle waren sich einig, dass dieses Thema zu lange vernachlässigt wurde und dringender Handlungsbedarf besteht, hier die eigene Blindheit aufzuheben und Inklusion auf die Agenda zu setzen.

Es war ein sehr herzerwärmender Gesprächskreis, der eine Impulswirkung für die Community in Heilbronn spüren lies.

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